Der Krieg in der Ukraine dürfte die Weltwirtschaft nicht erneut in eine Rezession schicken

Russland und die Ukraine sind zwar wichtige Rohstofflieferanten, aber ihre wirtschaftliche Bedeutung ist zu gering, als dass die aktuelle Krise eine Rezession auslösen könnte.

4. März 2022

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Für die Finanzmärkte bedeutet der Krieg in der Ukraine, dass nach den deutlichen Kursrückschlägen in den ersten Wochen 2022 durchaus auch mit höheren Aktienpreisen zu rechnen ist – vorausgesetzt es kommt nicht zu einer totalen Eskalation. (Symbolbild: Adobe Stock)

Die Eindrücke, die wir seit Tagen aus der Ukraine übermittelt erhalten, sind verstörend. Nicht endende Militärkolonnen und Explosionen in einem europäischen Land erfüllen uns grundsätzlich mit Betroffenheit. An dieser Stelle wollen wir die politische Dimension dieses jahrelangen Konfliktes nicht beleuchten.

Auch die militärischen Fragestellungen rund um die russische Invasion können hier kein Thema sein. Unser Hauptaugenmerk liegt nicht ganz überraschend auf den möglichen wirtschaftlichen Implikationen dieses Konfliktes und dessen Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Als Ausgangslage hilft es, sich eine Vorstellung über die Wirtschaftskraft der involvierten Parteien zu verschaffen.

Öl- und Gasangebot im Fokus

So liegt beispielsweise die Wirtschaftskraft der Ukraine an 58. Stelle aller Länder. Dies entspricht einem Anteil von 0,17 Prozent am weltweiten Bruttoinlandprodukt (BIP). Deutlich bedeutsamer – und damit an elfter Stelle aller Länder im BIP-Ranking – ist dagegen Russland. Diese Volkswirtschaft entspricht also rund 2 Prozent der Wirtschaftskraft der Welt. Auch wenn die absolute Wirtschaftskraft der beiden an diesem Konflikt hauptsächlich beteiligten Nationen überschaubar ist, stellen sie der Welt in grossem Masse natürliche Ressourcen zur Verfügung.

Mit Russland als zweitwichtigstem Öl- respektive Gasproduzenten der Erde liegt es auf der Hand, dass die Sanktionen der westlichen Industrienationen einen anhaltenden Effekt auf die Preise der fossilen Brennstoffe haben werden. Auch wenn andere Anbieter von Öl und Gas versuchen in die Bresche zu springen, wird es wohl schwerlich möglich sein, in der kurzen Frist das fehlende Angebot von Öl und Gas aus Russland zu ersetzen. Die Preise für das Schmiermittel der Welt dürften damit vor allem auch in Europa auf hohen Niveaus verharren. Bei anderen natürlichen Ressourcen ist von einer vergleichbaren Preisentwicklung auszugehen.

Keine Rezession in Sicht

Selbstverständlich sind die höheren Energiepreise eine Herausforderung für die Konsumenten weltweit. Dennoch bleibt unsere Einschätzung für den Konsum auch in der Schweiz positiv. Einerseits haben die Energiepreise für den durchschnittlichen Konsumenten in der Schweiz in den letzten Jahren beständig an Bedeutung verloren.

Andererseits dürften die erfreuliche Situation auf dem Arbeitsmarkt, die in den letzten Jahren angesparten Vermögen, die anhaltend negative Realverzinsung und nicht zuletzt die wiedergewonnenen Möglichkeiten nach der langen Corona-Pause den privaten Konsum trotz steigender Energiepreise weltweit stützen. Natürlich werden die Wachstumsaussichten durch die eben beschriebenen Zusammenhänge etwas gebremst. Von einer weltweiten Rezession ist aber bis auf weiteres nicht auszugehen.

Wie reagieren die Zentralbanken?

Eine Schlüsselrolle kommt in dieser Situation den Zentralbanken zu. Wie aus der Retonomics-Kolumne hervorgeht, sind wir der Auffassung, dass die Zinskurven sehr grosse Anpassungen der Zentralbanken vorweggenommen haben. Entlang der verschiedenen Zinskurven ist nur mit vergleichsweise kleineren Anpassungen zu rechnen. Angesichts der konjunkturellen Unsicherheiten besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Zentralbanken auf die eine oder andere von den Finanzmärkten erwartete Zinserhöhung verzichten werden.

In den ersten Wochen von 2022 mussten Aktien schon deutliche Kursrückschläge hinnehmen. Deshalb ist bei einer Stabilisierung der Konfliktsituation für den Rest das Jahres mit höheren Aktienpreisen zu rechnen. Nach zwei Jahren Corona ist nicht zuletzt aufgrund des wiedererstarkten privaten Konsums die positive Wirtschaftsdynamik trotz tieferen Wachstumsraten weiterhin intakt. In Sachen Zinserhöhungen durch die Zentralbanken ist bereits viel vorweggenommen und das Gros der Unternehmen steht anfangs des Jahres 2022 in einer bemerkenswert guten Position da.

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