Inflation ist nicht gleich Inflation – oder: Wann müssen die Zentralbanken intervenieren?

Die Inflation schnellt in die Höhe, zuletzt wegen des Kriegs in der Ukraine. Erwartet wird deshalb eine restriktivere Geldpolitik. Aber würden höhere Zinsen wirklich etwas nützen?

4. März 2022

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«Wenn aber die steigenden Preise die Kaufkraft negativ beeinflussen, macht es keinen Sinn diese Kaufkraft zusätzlich mit höheren Zinsen zu belasten.»

Zwar rechnen Finanzmarktakteure schon bald mit einer Reihe von Zinssatzerhöhungen. Aber den Zentralbanken ist wohl auch bewusst, dass angesichts der bereits stark gestiegenen Energiekosten höhere Leitzinsen die Konsumenten übermässig belasten und damit der Wirtschaft schaden könnten.

Es ist deshalb wichtig zur Kenntnis zu nehmen, dass für Zentralbanken Inflation nicht gleich Inflation ist. Salopp formuliert werden die Zentralbanken nur auf jene Inflation mit einer restriktiveren Geldpolitik reagieren, die den Konsumenten mehr Geld zur Verfügung stellt. Dies wäre beispielweise Lohninflation und vor allem steigende Lohnerwartungen.

Wenn aber die steigenden Preise die Kaufkraft negativ beeinflussen, macht es keinen Sinn diese Kaufkraft zusätzlich mit höheren Zinsen zu belasten. In der aktuellen Situation mit deutlich gestiegenen Preisen für fossile Energieträger lässt sich genau diese Entwicklung beobachten. Dies wird umso deutlicher, wenn man auf die einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten in den USA und anderen entwickelten Volkswirtschaften des Westens fokussiert, die höhere Energiepreise besonders hart treffen.

Wie ist nun die aktuelle Situation entlang den verschiedenen Zinskurven zu interpretieren? Angesichts der jüngst stark gestiegenen Inflationsraten, haben verschiedene Zentralbanken im Schlepptau der US-Notenbank Fed zuletzt eine deutlich restriktivere Geldpolitik signalisiert. Nach Jahren mit sehr lockerer Geldpolitik sind die Märkte diesen Signalen gefolgt und haben eine Reihe von Zinssatzerhöhungen in ihre Zinserwartungen bereits für die kommenden Monate eingebaut.

So sind beispielsweise in der US-Zinskurve in diesem Jahr Zinssatzerhöhungen von über 2 Prozent eingepreist, wobei bereits in diesem Monat eine erste Erhöhung erwartet wird. Daran knüpft sich die Erwartung, dass es den Zentralbanken gelingen wird, den höheren Preisdruck zu bekämpfen. In den Augen der Märkte erscheint es also weiterhin realistisch, dass die langfristigen Inflationsziele der Zentralbanken aufrecht erhalten bleiben können.

Für die verschiedenen Zinskurven bedeutet dies, dass sie für kurze Laufzeiten stark ansteigen, um dann mit zunehmender Laufzeit seitwärts oder – wie bereits in den USA – rückwärts oder invers zu verlaufen. Auf den aktuellen Zinsniveaus dürften lediglich deutlich positive Wachstumsüberraschungen zu einem nochmaligen Ansteigen der Zinsen führen. Angesichts der anhaltenden Konjunkturunsicherheiten wegen des Kriegs in der Ukraine ist allerdings eher mit negativen Implikationen auf das Weltwachstum zu rechnen.

Es kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass die Zinsen in diesem Jahr nicht so schnell wie zuletzt erwartet steigen werden.

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