Zentralbanken und KI halten Finanzmärkte in Schach

Zinspolitik und künstliche Intelligenz (KI) waren die grossen Themen des Finanzjahres 2023. Der gesamtkonjunkturellen Entwicklung drückten die Zentralbanken ihren Stempel auf. Die KI sorgte bei Einzeltiteln für Kursspektakel.

29. November 2023

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Der Einfluss auf die Finanzmärkte war unterschiedlich: Der Mensch, vertreten durch die Zentralbanker, sorgte mit der Zinspolitik für Verunsicherung, während die künstliche Intelligenz vereinzelte Kursfeuerwerke verursachte. (Bild: Adobe Stock)

Wie immer gegen Ende des Jahres wollen wir auch dieses Jahr die letzten zwölf Monate für die Wirtschaft und vor allem auch die Finanzmärkte aufarbeiten. Dabei lässt sich festhalten, dass nach dem starken Zinsanstieg des Vorjahres, getrieben durch stark gestiegene Inflationsraten, auch das Jahr 2023 insbesondere zu Beginn des Jahres weitere Zinserhöhungen der wichtigsten Zentralbanken rund um den Globus mit sich brachte. Im Verlaufe des Jahres aber vor allem auch nach den Sommerferien, respektive der Jackson Hole-Konferenz der Fed von Kansas City Ende August, haben diese Institute einen Schritt zurück gemacht und eine beobachtende Rolle eingenommen. Zwar weisen sie auch weiterhin auf die Notwendigkeit einer proaktiven Geldpolitik zur Eindämmung der Inflationsraten hin, effektive Zinserhöhungen haben seit diesem Zeitpunkt bestenfalls noch vereinzelt stattgefunden.

Geldpolitik zeigt Wirkung

Die geänderte Position der Zentralbanken ist in erster Linie eine Folge der konjunkturellen Entwicklung der letzten Monate. Weltweit ist es in den letzten Monaten zu einer deutlichen Abkühlung der Wachstumsdynamik gekommen. In Folge sind auch die Inflationsraten in den letzten Monaten wieder deutlich von ihren letztjährigen Höchstwerten zurückgekommen. Mit anderen Worten lässt sich sagen, dass die ausserordentlich heftige geldpolitische Reaktion aus dem Jahr 2022 die von den Zentralbanken erhoffte Wirkung brachte.

Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Entwicklung je nach Struktur der zu Grunde liegenden Volkswirtschaften einen unterschiedlich grossen Effekt hatte. So ist festzuhalten, dass sich gerade die US-Wirtschaft über die letzten Monate bemerkenswert robust zeigte und wiederholt mit überraschend guten Konjunkturzahlen aufwarten konnte. Es ist in erster Linie die stabile Binnenkonjunktur mit gutem privatem Konsum und soliden Arbeitsmarktzahlen, die auch zum Ende des Jahres 2023 positiv zu überraschen vermag.

Deutlich schwieriger stellt sich dagegen die Situation in weiten Teilen von Europa und insbesondere in Deutschland dar. Hier ist es in den letzten Wochen und Monaten zu einem eigentlichen Einbruch der Konjunktur gekommen. Sowohl die bei den Konsumenten erhobenen Stimmungsindikatoren als auch die Unternehmensumfragen wiesen über das Jahr hinweg historisch tiefe Werte auf (siehe Grafik). Die Konjunkturindikatoren deuten darauf hin, dass die letzten Monate mit hohen Inflationsraten und in der Folge auch hohen Zinsen gerade für die Struktur der deutschen Volkswirtschaft eine besonders grosse Herausforderung dargestellt haben. Die neue geldpolitische Realität in Europa dürfte denn auch kurz-, mittel- und langfristig strukturelle Anpassungen auf dem zinssensitiven Immobilienmarkt zur Folge haben. Die unterschiedliche konjunkturelle Entwicklung hatte denn auch einen Einfluss auf die verschiedenen Finanzmarktvariablen. Dies gilt für die Zinsen in gleichem Ausmass wie für die Aktienpreise der entsprechenden Unternehmen.

Konsumentenstimmung 1

Konsumentenstimmung in Indexpunkten: In den USA herrscht bessere Stimmung als in der Eurozone (Quelle: Bloomberg/Grafik: HBL Asset Management)

USA und Europa entkoppeln sich

Es lässt sich also argumentieren, dass es im Jahre 2023 zum ersten Mal in langer Zeit zu einer eigentlichen «Entkoppelung» der Wirtschaft in den USA und in Europa gekommen ist. Neben Deutschland ist es in erster Linie China, das 2023 über weite Teile mit unerfreulichen Wirtschaftsnachrichten aufwartete. Noch zu Beginn des Jahres herrschte Hoffnung, dass das vollständige Aufheben der weitgehenden Corona-Massnahmen einen Wachstumsschub generieren könnte. Schon bald setzte aber Ernüchterung ein. Aufgestaute (Finanzierungs-) Probleme mit Immobilienfirmen und fehlende Investitionen aus dem Ausland lasteten schwer auf der chinesischen Wirtschaft. Wirtschaftspolitische Verfehlungen der letzten Jahre scheinen das Reich der Mitte 2023 einzuholen. Die Folgen sind schmerzhafte strukturelle Anpassungen, die wohl etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen werden. Allerdings lässt sich in China festhalten, dass seitens Geld- und Wirtschaftspolitik die Probleme erkannt und entsprechend Massnahmen eingeleitet wurden.

Überlagernd zu den konjunkturellen Fragestellungen war 2023 die künstliche Intelligenz (KI) das dominierende Thema an den Finanzmärkten. Tech-Unternehmen, deren Geschäftsmodelle im Zusammenhang mit KI stehen, konnten zum Teil spektakuläre Kurszugewinne erzielen. So verzeichnete etwa der US-Chiphersteller Nvidia allein in den ersten elf Monaten des Jahres 2023 einen Kursgewinn in der Grössenordnung von 227 Prozent. Der grosse Anteil dieses Themas an der US-Wirtschaft hat wiederum einen positiven Effekt auf die Konjunktur und den Finanzsektor dieses Landes gehabt.

Zwischen dem Wachstumsmotor USA und den konjunkturellen Bremsern Deutschland und China verbrachten viele Sektoren aus der Schweiz ein vergleichsweise ruhiges Jahr. Die Schweiz profitiert dabei von im internationalen Vergleich tieferen Inflationsraten und in der Folge einem verhaltenen Zinsanstieg. Die unbändigen Kräfte rund um das Thema «künstliche Intelligenz» sind in der Schweiz 2023 dabei nur in deutlich abgeschwächter Form festzustellen

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