Kommt die Inflation oder kommt sie nicht?

Der jüngste Zinsanstieg hat eine Inflationsdiskussion ausgelöst. Wir können aber keine Quellen für einen nachhaltigen Anstieg des allgemeinen Preisniveaus ausmachen.

24. Februar 2021

Kommt Die Inflation Oder Kommt Sie Nicht 1920X1080px

Lässt auf sich warten: Ein Inflationsdruck ist trotz des jüngsten Zinsanstiegs derzeit nicht auszumachen. (Bild: Adobe Stock)

In diesen Tagen jährt sich zum ersten Mal der weitgehende Lockdown der Weltwirtschaft aufgrund der Corona-Pandemie. Inzwischen scheinen sich die Wirtschaft und insbesondere die Finanzmärkte auf diese Entwicklung verhältnismässig gut eingestellt zu haben. Dies nicht zuletzt aufgrund der drastischen staatlichen Unterstützungsmassnahmen in der Form von milliardenschweren finanziellen Hilfspaketen und überaus expansiven Zentralbanken. In der Folge brachten die ersten beiden Monate des neuen Jahres für die internationalen Finanzmärkte in weiten Teilen eine Fortführung der positiven Entwicklung des zweiten Halbjahres 2020. 

Dennoch hat in den letzten Tagen und Wochen eine neue Dimension in die finanzwirtschaftliche Diskussion Eingang gefunden. Sorgen über inflationäre Tendenzen werden unter Finanzmarktakteuren zuletzt wieder deutlich häufiger geäussert. Im Kern lassen sich diese diffusen Ängste relativ einfach auf folgenden Punkt reduzieren. Es wird argumentiert, dass die bereits angesprochenen und auch weiterhin angedachten rekordhohen Geldmittel, die in den letzten Jahren den Finanzmärkten und der Weltwirtschaft zur Verfügung gestellt wurden, angesichts verbesserter Konjunkturaussichten über kurz oder lang zu erhöhter Inflation führen werden. Im Zuge dieser Diskussionen ist es denn auch in den letzten Tagen und Wochen zu einem leichten Anstieg der langfristigen Zinsen in den wichtigsten Industrieländern gekommen. 

Auch wenn diese Argumentation gerade wegen ihrer Einfachheit einleuchtend erscheint, so sind die Zusammenhänge doch komplexer. Offensichtlich ist festzuhalten, dass sich die Situation an den verschiedenen Arbeitsmärkten weiterhin als grosse Herausforderung darstellt. Die Tatsache, dass sich die offiziellen Arbeitslosenraten gerade in Europa nur leicht erhöht haben, täuscht über die angespannte Arbeitsmarktsituation in vielen Ländern hinweg. Sie ist vor allem auch eine Konsequenz der Kurzarbeitsprogramme, die im Zuge der Corona-Pandemie umgesetzt wurden. In welchem Ausmass sich die Arbeitsmarktsituation durch und nach Corona verändert hat, ist erst abschliessend zu beurteilen, wenn diese Kurzarbeitsprogramme ausgelaufen sind. Es gibt aber mit Sicherheit Anzeichen, dass es gerade im personalintensiven Dienstleistungssektor aber auch bei produzierenden Unternehmen verschiedentlich Überkapazitäten gibt. Vor allem auch in den USA steht die Arbeitslosenrate trotz deutlich rückläufigen Werten weiterhin auf erhöhten Niveaus. 

Eine weitere zentrale Entwicklung des letzten Jahres ist die verstärkte Digitalisierung weiter Teile unserer Volkswirtschaft. Im Grundsatz ermöglicht das Wesen der Digitalisierung eine erhöhte Skalierbarkeit gerade auch in kleinsten Teilschritten und Arbeitsprozessen. Sie ermöglicht das Erbringen von komplexen Gütern und Dienstleistungen ohne deutlich höhere Kosten. Für den Kunden aber bringen diese individualisierten Lösungen einen klaren Mehrwert. 

Es lässt sich ebenfalls festhalten, dass neben einem anhaltend tiefen Kostendruck bei vielen Produzenten der Wirtschaft auch die Preissensitivität der Nachfrager in den letzten Monaten –wohl gezwungenermassen – weiter geschärft wurde. Selbstverständlich freuen wir uns alle auf unsere ersten sozialen Aktivitäten nach einer allfälligen Lockerung des Corona-Lockdowns. Viele werden sich diese auch etwas kosten lassen. Ob sich daraus aber ein langfristiger Preisanstieg ergeben wird, ist alles andere als sicher. Zum einen werden uns die in der Zwischenzeit bestens etablierten digitalen Verkaufskanäle auch in Zukunft erhalten bleiben. Zum anderen besteht aber durchaus die Möglichkeit, dass es in einer Übergangsphase zu Lockvogelangeboten in Sektoren kommen wird, die besonders hart von der Corona-Krise getroffen wurden. Ein Geschäftszweig, bei dem ein ähnliches Verhalten zu erwarten ist, ist mit Sicherheit der internationale Tourismus.

Wer beispielsweise in der Schweiz mit Sorge auf die zuletzt gestiegenen Inflationszahlen blickt, der wird schnell feststellen, dass die grösste Preisdynamik auch in unseren Breitengraden von höheren Energiepreisen und insbesondere höheren Ölpreisen herrührt. Die positiven Preistreiber fehlen aber zu Beginn des Jahres 2021 fast gänzlich. Im aktuellen Umfeld von erhöhtem Preisdruck zu sprechen, erachten wir deshalb als klar verfrüht. Viel eher beurteilen wir den aktuellen Preistrend als eine Normalisierung nach einer Phase von deflationären Tendenzen.

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