Finanzjahr 2023: Die Situation am Arbeitsmarkt könnte den Takt vorgeben

Arbeitsmarkt, Zinspolitik und hohe Inflation stehen auch 2023 im Fokus. Der Stellenabbau bei Firmen wie bei den US-Tech-Giganten könnten dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

2. Dezember 2022

Finanzjahr 2023: Die Situation am Arbeitsmarkt könnte den Takt vorgeben 1920X1080px

Der angekündigte Stellenabbau insbesondere im Technologiesektor und die Schwäche des Immobilienmarktes sprechen für eine baldige und substantielle Eintrübung der Situation auf dem Arbeitsmarkt. (Bild: Adobe Stock)

Für die Finanzmärkte stand das Jahr 2022 ganz im Zeichen von stark steigenden Preisen. Die gestiegenen Produktionskosten aufgrund höherer Kosten für Rohstoffe, Energie und anderer natürlicher Ressourcen und insbesondere die bemerkenswert gute Situation auf den verschiedenen Arbeitsmärkten führten in der Folge zu starken Reaktionen der wichtigsten Zentralbanken.

Nach Jahren historisch tiefer Zinsen haben diese die Geldmarktzinsen in einem Ausmass und vor allem in einer Geschwindigkeit angehoben, wie dies in der Vergangenheit noch nie beobachtet werden konnte. Die Folgen für die Bewertungen der verschiedenen Finanzmarktaktiva liessen nicht lange auf sich warten. Die wichtigsten Anlageklassen mussten allesamt herbe Kursverluste erfahren.

Konjunkturabschwächung erwartet

Für die kommenden Monate stellt sich nun die Frage, in welcher Form die Zentralbanken ihre Geldpolitik weiter straffen und welche realwirtschaftlichen Folgen diese Massnahmen haben werden. Bereits jetzt zeichnet sich eine Abschwächung der Konjunktur ab. Mit jeder weiteren Zinserhöhung dürfte sich diese weiter akzentuieren. Allerdings ist bei jeder Interpretation der Gangart der Zentralbanken auch zu berücksichtigen, dass die Finanzmärkte bereits zum jetzigen Zeitpunkt eine ganze Reihe von weiteren Zinssatzerhöhungen vorweg genommen haben.

In Kürze lässt sich sagen, dass wir im Jahr 2022 noch einmal ganz deutlich die Spätfolgen des Corona-Jahres von 2020 und der damit verbundenen wirtschaftspolitischen Massnahmen zu spüren bekamen. Für die kommenden Jahre ist aber von einer Normalisierung dieser Situation auszugehen. Auch für die Finanzmärkte bedeutet dies, dass nach den starken Kursbewegungen der jüngsten Vergangenheit mit einer graduelleren Entwicklung zu rechnen ist.

Das Spannungsfeld zwischen Konjunktur und Inflation steht dabei weiterhin im Zentrum. Dabei könnte das Pendel in beide Richtungen ausschlagen. Einerseits besteht die Gefahr, dass die Zentralbanken mit ihren geldpolitischen Aktivitäten die Weltkonjunktur über Gebühr strapazieren und damit das Weltwirtschaftswachstum abwürgen. Andererseits besteht aber auch die Gefahr, dass seitens der verschiedenen Zentralbanken noch mehr Zinssatzerhöhungen kommen müssen, um die Inflation in den Griff zu bekommen.

In unseren Augen können dabei strukturelle Faktoren das Zünglein an der Waage spielen. Wir denken dabei in erster Linie an die angebotsseitigen Rahmenbedingungen wie Flexibilität des Arbeitsmarktes, Innovationskraft einer Volkswirtschaft und in welchen Sektoren diese Länder besonders aktiv sind. So ist beispielsweise für die USA mit einem deutlichen Rückgang der Wachstumsdynamik auszugehen.

US-Inflation dürfte zurückgehen

Die bereits angekündigten Restrukturierungsprogramme insbesondere im Technologiesektor, beispielsweise mit dem massiven Stellenabbau bei grossen Konzernen wie Twitter und Meta, und die Schwäche des Immobilienmarktes sprechen für eine baldige und substantielle Eintrübung der Situation auf dem Arbeitsmarkt. In Folge und nach dem starken Preisanstieg der letzten Monate ist von einem zeitnahen Rückgang der US-Inflation und den entsprechenden positiven Auswirkungen auf die Finanzmärkte auszugehen. Die Marktkräfte sorgen hier wie immer für verhältnismässig grosse Schwankungen.

In Europa andererseits ist die Preisfindung in weiten Teilen anders strukturiert. Gerade bei den Preisen, die von der öffentlichen Hand festgesetzt werden, dürfte die Entwicklung der letzten Monate auch weiterhin einen Effekt haben. Wir rechnen hier mit anhaltend hohen Preisen und in der Konsequenz mit steigenden Zinsen. Ähnlich verhält sich die Situation wohl in der Schweiz. Hier dürfte insbesondere die Inflationskomponente Wohnen weitere Preissteigerungen erfahren. Aber auch bei anderen administrierten Preisen, wie den Energiepreisen, ist mit Anpassungen nach oben zu rechnen. In stabilisierenden Märkten rechnen wir mit leicht tieferen Kursen für Obligationen und leicht steigenden Aktienmärkten.

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