Deutschlands Wirtschaft leidet unter Europas Zinspolitik

Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank sorgt in Deutschland für wirtschaftliche Unsicherheiten. Signale der Entwarnung kommen aber aus Jackson Hole: Für die globale Geldpolitik dürfte nun eine ruhigere Zeit anbrechen.

30. August 2023

Hauptsitz der Europäischen Zentralbank mit der Skyline von Frankfurt im Hintergrund

Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank – links im Bild der Hauptsitz in Frankfurt – macht Deutschlands Wirtschaft das Leben schwer. (Bild: Adobe Stock)

Im steten Auf und Ab der Finanzmärkte und den damit verbundenen Emotionen der Marktteilnehmer geht zu oft vergessen, dass die Zentralbanken ihre Geldpolitik sehr viel langfristiger ausrichten. Einer der grossen Fixpunkte für die Zentralbanken ist und bleibt aber die Jackson Hole-Konferenz der wichtigsten Zentralbanker der Welt.

Nach den deutlichen Zinserhöhungen der letzten Quartale ist davon auszugehen, dass wir uns in deutlich ruhigere Fahrwasser begeben. Dies liegt in erster Linie daran, dass die vergangenen Zinsentscheide dazu beigetragen haben, die Wirtschaft nachhaltig einzubremsen und in der Konsequenz auch die Inflation einzudämmen. Selbstverständlich ergeben sich hier Unterschiede je nach Struktur der jeweiligen Volkswirtschaft.

Abhängigkeit von der Industrie bremst

Eine Volkswirtschaft, die in den letzten Monaten besonders stark in Rücklage geraten ist, ist dabei Deutschland. Nachdem dieses Land über weite Teile der letzten Jahrzehnte dem Rest von Europa konjunkturell vorweg gelaufen ist, sind die wirtschaftlichen Brems­spuren aktuell in Deutschland besonders augenfällig. Verschiedene Argumente werden für diese Entwicklung aktuell ins Feld geführt: Einerseits wird von Marktbeobachtern für die aktuelle Schwäche von Deutschlands Wirtschaft oft ihre Abhängigkeit vom industriellen Sektor ins Feld geführt.

Reales Wirtschaftswachstum Von Deutschland Und Der Schweiz

Reales Bruttoinlandprodukt (BIP) im Jahresvergleich: Während das BIP der Schweiz im März 2023 noch leicht positiv war, rutschte der Wert für Deutschland in den negativen Bereich. (Quelle: Bloomberg/Grafik: HBL Asset Management)

Da der private Konsum aufgrund der anhaltend tiefen Arbeitslosenraten weiterhin als Wachstumstreiber wirkt und aufgrund der Tatsache, dass das Gros der Dienstleistungen unmittelbar den Konsumenten zur Verfügung und damit in Rechnung gestellt werden, wird verschiedentlich argumentiert, dass sich die Exponiertheit Deutschlands gegenüber dem güterproduzierenden Sektor aktuell als Wachstumsbremse auswirkt. Demgegenüber profitieren Volkswirtschaften, die einen höheren Anteil der Wertschöpfung im Dienstleistungssektor erarbeiten.

Während diese Erklärung für die relative Schwäche Deutschlands gegenüber den USA als möglicher Erklärungsansatz taugt, hilft er nicht, die konjunkturelle Entwicklung innerhalb Europas zu erklären. Hier verzeichnen vor allem auch Länder wie Spanien oder Frankreich bessere Werte bei den verschiedenen Konjunkturindikatoren als Deutschland.

Ein Ausmass, das Deutschland lange nicht mehr gesehen hat

Unser Fokus zur aktuellen Deutschland-Schwäche liegt deshalb an anderer Stelle. Unsere Erklärung setzt bei der europäischen Geldpolitik an. Die ausserordentlichen Massnahmen haben in den letzten Quartalen zu einem eigentlichen Stresstest der Geldpolitik in Europa geführt. So hat in einer ersten Phase die EZB mit einer ersten Zinserhöhung lange zugewartet. Dies führte in einer zweiten Phase zu höheren Inflationsraten und in der Folge zu deutlichen Zinserhöhungen seitens der EZB – dies in einem Ausmass, wie es Deutschland seit langen Jahren nie mehr gesehen hat.

Für die Struktur der Wirtschaft und insbesondere für den Immobilienmarkt in Deutschland war und ist diese Entwicklung eine riesige Herausforderung. Sie sorgt für grosse Unsicherheit bei allen Beteiligten. Man könnte argumentieren, dass eine unabhängige auf Deutschland ausgerichtete Geldpolitik wohl zur Bekämpfung früher die Zinsen angehoben hätte. Dies wiederum hätte dazu geführt, dass der Inflation Deutschlands schneller entgegengetreten worden wäre und zu guter Letzt wohl auch die Zinsen weniger angehoben worden wären.

Dies sind aber alles Mutmassungen. Tatsache ist aber, dass sich die Geldpolitik Europas an den Bedürfnissen aller Mitgliedsländer orientiert und die Geschwindigkeit allfälliger Zinsentscheide sich nicht nur an der Entwicklung in Deutschland ausrichtet. Es ist dabei wohl lediglich eine Frage der Zeit bis sich die Struktur der Wirtschaft sich an den neuen geldpolitischen Begebenheiten orientiert. Sie wird sich daran gewöhnen, dass sowohl Inflation aber auch das Zinsniveau in der Zukunft tendenziell höher zu stehen kommen als in der Vergangenheit.

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