Historische Entwicklung auf dem Öl-Markt – Wieso der Ölpreis ins Negative dreht

Der Mai-Terminkontrakt auf die Ölsorte WTI rutschte zeitweise ins Minus. Bei der Ölsorte Brent ist ein änliches Szenario praktisch ausgechlossen.

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Solange die Öl-Nachfrage auf einem sehr tiefen Niveau verharrt und die erdölexportierenden Länder ihre Produktion nicht stark drosseln, dürfte der Ölpreis weiter unter Druck bleiben. (Bild: coltonsturgeon / unsplash.com)

Ende April notierte der Mai-Terminkontrakt auf die US-Ölsorte WTI (West Texas Intermediate) zum ersten Mal, seit der Rohstoff-Future gehandelt wird, im negativen Bereich. Wie konnte der Preis für ein Fass WTI-Öl an einem Tag um knapp USD 60 auf minus USD 37.6 fallen?

Erdöl wird an der Börse von Anlegern in der Regel über so genannte Warenterminkontrakte – im Börsenjargon auch Commodity Futures genannt – gehandelt. In einem Warenterminkontrakt auf die Ölsorte WTI vereinbaren zwei Parteien, 1000 Fass Rohöl zu einem vorab definierten Preis, zu einem vereinbarten Zeitpunkt zu kaufen oder zu verkaufen. WTI-Warenterminkontrakte verfallen jeweils einmal im Monat und werden mittels physischer Auslieferung der vereinbarten Ölmenge abgewickelt.

Die Preise von Rohöl drehen ins Negative

Gemessen am Futureskontrakt mit Fälligkeit im Mai sind die Preise der Ölsorte West Texas Intermediate in den negativen Bereich gefallen. (Quelle: Bloomberg/Grafik: HBL Asset Management)

In der Regel sind Anleger zwecks Spekulation nur an der Wertentwicklung des Öls und nicht am Rohstoff selber interessiert. Sofern sie ihre Kontrakte während der Laufzeit nicht geschlossen haben, sind sie also bei Verfall des Kontrakts gezwungen, diesen entweder zu verkaufen oder ihr Geld auf einen Kontrakt mit späterem Verfallsdatum zu rollen. Normalerweise ist der Preis für das Fass Öl höher, je weiter in der Zukunft der Liefertermin liegt. In diesem Zusammenhang spricht man in Börsenkreisen auch von einer aufwärts gerichteten Terminkurve oder Contango. Der umgekehrte Fall wird als Backwardation (erhöhte kurzfristige Nachfrage) bezeichnet.

Auf dem Höhepunkt der aktuellen Entwicklung und bedingt durch eine weltweit geringe Nachfrage, volle Öllager sowie einen ohnehin bereits unter Druck stehenden Ölpreis, zahlten Spekulanten also rund USD 40 pro Fass, damit ihnen der entsprechende WTI-Mai-Terminkontrakt abgenommen wurde und sie eine im Moment sehr kostspielige Lagerung vermeiden konnten.

Eine ähnliche Situation könnte sich theoretisch Ende Mai erneut ereignen. Für die Ölsorte Brent ist eine solche Konstellation nicht möglich, da dort bei Verfall keine physische Lieferung stattfindet. Solange – bedingt durch die Corona-Krise – die Öl-Nachfrage auf einem sehr tiefen Niveau verharrt und die erdölexportierenden Länder ihre Produktion nicht stark drosseln, dürfte der Ölpreis weiter unter Druck bleiben. Aufgrund der erwähnten negativen Punkte und der historisch sehr hohen Volatilität, raten wir im aktuellen Umfeld von Direktanlagen in Rohöl zu erhöhter Vorsicht.

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