Demographie, Technologie und Geopolitik setzen neue Grenzen für Geldpolitik

Die Zentralbanken heben die Leitzinsen in einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit an. Aber die geldpolitischen Rezepte der vergangenen Jahre könnten an Bedeutung verlieren.

28. September 2022

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Politische und demographische Rahmenbedingungen liegen nicht direkt im Einflussbereich der Zentralbanken und ihrer Geldpolitik. Für die Wohlstandsentwicklung der Zukunft gewinnen sie an Bedeutung. (Bild: Adobe Stock)

Für Anlegerinnen und Anleger bleibt das Jahr 2022 in höchstem Masse herausfordernd. Auch zum Ende des dritten Quartals verliert das Gros der Investitionen deutlich an Wert. Nur ganz wenige Anlagen können sich dem fallenden Kurstrend entziehen. Diese negative Entwicklung hat in der Zwischenzeit auch diejenigen Anlageklassen erfasst, deren Wertentwicklung traditionell wenig Gleichlauf mit der Bewertung von anderen Anlagen hat. So hat Gold alleine im dritten Quartal rund einen Zehntel seines Wertes verloren. Aber auch Aktien oder Obligationen sind zuletzt wieder arg unter Druck geraten. 

Im Zentrum dieser Entwicklungen stehen weiterhin die Aktivitäten der Zentralbanken. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen heben diese die Leitzinsen in einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit an. Nicht nur ist das Ausmass der jeweiligen Zinssatzerhöhungen einzigartig, diese sind auch so eng getaktet, dass es den verschiedenen Zentralbanken unmöglich ist, die Auswirkungen der einzelnen Zinsschritte auf die Realwirtschaft zu erkennen oder zu beurteilen. Klar ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt lediglich, dass die wichtigsten Notenbanken der Welt gewillt sind, eine Abschwächung der Konjunktur in den entsprechenden Volkswirtschaften bis hin zu einer Rezession in Kauf zu nehmen.

Neue Themen rücken in den Fokus

Ein solches Vorgehen wurde bereits an der alljährlichen Jackson-Hole Konferenz des St. Louis Fed Ende August von verschiedenen Exponenten thematisiert. Diese neue Entwicklung hat dann auch deutliche Spuren an den internationalen Finanzmärkten hinterlassen. Es besteht die Gefahr, dass die geldpolitischen Rezepte der vergangenen Jahre in gewissem Masse an Bedeutung verlieren oder sich sogar zunehmend negativ auf die Weltwirtschaft auswirken könnten.

Während über weite Teile der letzten Jahrzehnte der Fokus der geldpolitischen Entscheidungsträger auf den Nachfragern und somit den Konsumenten lag, mehren sich die Anzeichen, dass sich das Hauptaugenmerk in den kommenden Jahren vermehrt den Anbietern zuwenden könnte. Fragen im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gewinnen in diesem Umfeld an Bedeutung. In den letzten Jahren konnte eine expansive Geldpolitik in vielen Volkswirtschaften für mehr Wohlstand sorgen.

In Zukunft dürften Themen, wie ein stabiles geopolitisches Umfeld, technologischer Fortschritt und günstige demographische Rahmenbedingungen, der Geldpolitik ein je nach Volkswirtschaft unterschiedlich enges Korsett vorgeben. Es liegt auf der Hand, dass die verschiedenen Zentralbanken auf diese Rahmenbedingungen keinen direkten Einfluss haben. Generell lässt sich festhalten, dass je rigider das wirtschaftliche Korsett ist, desto grösser der inflationäre Druck in einer Volkswirtschaft. Im Umkehrschluss haben die Zentralbanken weniger Raum für eine expansive Geldpolitik. Sie müssen die Zinsen stärker anheben um der Inflation entgegenzutreten. 

SNB erhöht nochmals die Zinsen

In diesem Umfeld hat auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) an ihrer jüngsten geldpolitischen Lagebeurteilung noch einmal die Zinsen deutlich angehoben. Nach dem Zinsschritt von 75 Basispunkten liegen die Leitzinsen mit 0,5 Prozent wieder deutlich im positiven Bereich. Dabei stellt die SNB fest, dass die Zurückhaltung die Preise anzuheben zuletzt auch in der Schweiz geringer geworden ist.

Die wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen hinsichtlich Demographie, Technologie und Politik sind gerade auch in der Schweiz im internationalen Vergleich positiv. Trotz dem geldpolitischen Spielraum gilt es für die SNB in der gegenwärtigen Situation, proaktiv den inflationären Tendenzen entgegen zu treten. Dabei fällt auf, dass gerade auch in der Schweiz die konjunkturelle Dynamik weiterhin bemerkenswert gut ist.

Dies lässt sich am besten an der weiterhin sehr angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt erkennen. So stehen einer Vielzahl offener Stellen eine vergleichbar geringe Anzahl Arbeitsloser gegenüber. In diesem Umfeld ist auch für die kommenden Monate mit Zinserhöhungen seitens der SNB zu rechnen. Spätestens anlässlich der geldpolitischen Lagebeurteilung von Mitte Dezember dürfte die SNB ihre Leitzinsen noch einmal um ein halbes Prozent anheben. 

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