Zinsmarkt: Es herrschen grosse Unterschiede in Europa

Auch wenn Italien und Spanien zu den wichtigsten europäischen Volkswirtschaften gehören, unterscheiden sie sich in vielen Punkten.

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Wer wird nach dem Italiener Mario Draghi Präsident der Europäischen Zentralbank? Die Neuwahlen finden im Herbst 2019 statt. (Bild: EZB/flickr)

Die Wahlen in Europa brachten Ende Mai wenig neue Erkenntnisse: Das neu gewählte Europa unterscheidet sich vom Alten nicht grossartig und die drängenden Fragen bleiben vorerst weiter ungelöst. Speziell für das Zinsgefüge in Europa stehen nun aber spannende Monate vor der Tür. Zum einen geht die Präsidentschaft von Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Ende. Zum anderen brachten die ersten Monate des Jahres 2019 eine neue Akzentuierung der Zinsentwicklung in Europa.

Rendite für 10-jährige Anleihen in Prozent (Renditedifferenz in Basispunkten): Spanien zahlt derzeit für Staatsanleihen deutlich weniger als 1 Prozent, Italien dagegen immer noch mehr als 2,5 Prozent. (Quelle: Bloomberg/Grafik: HBL Asset Management)

Während beispielsweise die Renditen für Staatsobligationen aus Spanien im Verlaufe der letzten Wochen neue historische Tiefststände erreichen konnten, verharren die Renditen der vergleichbaren Papiere aus Italien auf erhöhten Niveaus (siehe Grafik). Auch wenn weder in Spanien noch in Italien klare politische Verhältnisse herrschen, ist die Renditedifferenz auf den höchsten Wert der letzten rund zehn Jahre angestiegen.
Kommunikation und Inhalt nicht goutiert

Auf den Finanzmärkten wird demzufolge die spanische Politik als deutlich glaubwürdiger eingestuft als das politische Programm in Italien. Vor allem die Art der Kommunikation und die Inhalte der Wirtschaftspolitik in Rom werden von den Finanzmärkten nicht goutiert. Daran dürfte auch die Wahl des neuen EZB-Präsidenten im Herbst 2019 wenig ändern. Nach dem Italiener Draghi wird als möglicher Nachfolger oft der Name von Jens Weidmann aus Deutschland genannt. Verschiedentlich wird mit diesem Namen die Hoffnung auf eine weniger expansive Geldpolitik und auf höhere Zinsen in Verbindung gebracht.

Wir erachten ein solches Szenario als wenig wahrscheinlich. Erstens hat sich Jens Weidmann zuletzt als expansiver Geldpolitiker positioniert – wohl durchaus im Interesse vieler europäischer Politiker. Zweitens ist es gerade aus europapolitischen Gründen unwahrscheinlich, dass Deutschland in den kommenden Jahren den Präsidenten der Europäischen Zentralbank stellen wird. Der wahrscheinlichste Kandidat zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der Finne Erkki Liikanen. In jedem Fall ist bis auf Weiteres mit einer wenig veränderten Geldpolitik der EZB zu rechnen.